Das Biesdorf-Geheimnis Teil II
 
Einlagerung
 
Seit November oder Dezember 1944 dient das Schloß als Einlagerungsobjekt für auszulagernde Gegenstände aus der Berliner Innenstadt, die durch Bombenangriffe schwer geschädigt ist. In den Wintermonaten beobachten Anwohner wiederholt das Eintreffen von militärischen Lastwagen und das Entladen von Gegenständen vor dem Schloß (möglicherweise auch in den nahegelegenen Gutsgebäuden). Eine größere Lieferung aus Berlin mit Hilfe von requirierten Bussen, die mit roten Kreuzen gekennzeichnet waren, ließ Anwohner vermuten, daß im Schloß ein Lazarett eingerichtet würde; gut vorstellbar, da sich auch in der nicht weit entfernten Klinik Wuhlgarten ein Lazarett befand. Eine Anwohnerin versuchte in den ersten Tagen des Jahres 1945 wegen dieser Annahme Medikamente für die Behandlung ihres an Ruhr erkrankten Kindes im Schloß zu erbitten, sie wurde aber nur brüsk weggeschickt und beschimpft, wie sie denn auf die Idee käme, daß es hier Medikamente gäbe, Ärzte gäbe es hier schon gar nicht. Im Nachhinein konnte nicht festgestellt werden, daß jemals eine medizinische Nutzung des Schlosses stattfand, auch in Wuhlgarten wurde nie irgendetwas über ein benachbartes provisorisches Lazarett bekannt. Anfang des Jahres 1945 haben sich jedoch vermutlich größere Mengen unbekannten Materials in den Schloßräumen befunden, die militärisch bewacht wurden.
 
Ende 1944 oder Anfang 1945 kommen im Schloß Einheiten der Waffen-SS-Division Nordland mit mehreren holzvergaserbetriebenen Lastwagen aus dem nordostdeutschen Raum an. Diese Einheiten waren nach erheblichen Verlusten an der Ostfront neu formiert und ausgerüstet worden und stellten im Gegensatz zu den sonst eingesetzten Kräften sowohl hinsichtlich Bewaffnung als auch Motivation eine erhebliche Kampfkraft dar. Nur ihre Transportmittel sind kriegsbedingt mangelhaft. Da kein Benzin oder Diesel mehr zur Verfügung steht, hat man ihre Lastwagen eher erfolglos auf Holzvergaser umgerüstet, sie sind daher öfter kaputt als fahrtauglich, was auch beim Rückzug der Einheit beim Heranrücken der Russen Probleme bereitet.
 
"Nordland" ist eine Einheit, die man nördlich Berlins aus mehreren durch schwere Verluste an der Ostfront dezimierten skandinavischen Freiwilligenverbänden zusammenstellte, unter anderem aus dänischen Freiwilligen, deshalb tragen auch viele noch immer ein Abzeichen vom Frikorps Danmark am Ärmel). Auch norwegische Freiwillige z.B. sind bei Nordland, die in Biesdorf stationierte Einheit soll aber ausschließlich aus Dänen und deutschem Führungspersonal bestanden haben. Auf die Verteidigung bereitet sich im Schloß außerdem eine zusammengewürfelte regionale Truppe vom Volkssturm vor, die dem Kommandeur der Waffen-SS mehr auf die Nerven geht als Unterstützung zu sein. Belegt ist ein Streitgespräch, bei dem einer der SS-Offiziere einige diensteifrige Hitlerjungen zusammenpfiff, sie sollten den "richtigen" Soldaten nicht im Wege sein, sie hätten schon noch genügend Zeit den Heldentod zu sterben.
 
Die dänische Einheit wird geleitet von zwei ranghohen (deutschen) Waffen-SS Offizieren, die sofort nach ihrem Eintreffen dafür sorgen, daß niemand mehr Zugang zum Schloß bekommt und die Sicherung verbessert wird, offensichtlich war sie bis dahin in Unterschätzung der Wichtigkeit der eingelagerten Güter eher ungeordnet. Im Park noch kampierende Flüchtlinge werden unverzüglich des Ortes verwiesen, die Zugänge werden mit Wachposten gesichert. Rund um das Schloß werden vom Volkssturm weitere Gräben ausgehoben und Verteidigungsstellungen eingerichtet, man bereitet sich auf eine Verteidigung gen Osten und zur Reichsstraße 1 (der heutigen B1) vor. Verteidigungsanlagen nach Norden werden vernachlässigt, man ist sich sicher, daß der russische Angriff über die Reichsstraße 1 geführt werden werde, das resultiert vermutlich aus einem Aufklärungsfehler, der scheinbar Folgen für die gesamte Verteidigung der Ostberliner Stadtgrenze hatte. Das Schloß ist strategisch völlig ungünstig gelegen, als Verteidigungsstellung ziemlich ungeeignet, trotzdem werden Ressourcen verwendet, es verteidigungsbereit zu machen.
 

 
Das Ende ist da
 
Am 20. April sind die Russen da. Der Angriff läuft schneller als geplant, der Vorstoß erfolgt nicht wie erwartet aus Osten über die Reichsstraße 1, sondern über die Landsberger Chaussee nach Marzahn, von dort schwenken die Russen nach Süden und greifen auf der ungesicherten nördlichen Flanke Biesdorf an. Die Chancen stehen für die Verteidiger von Schloß Biesdorf schlecht. Tiefflieger haben das Schloß mehrfach überflogen und nach Biesdorf hereingeschossen, zahlreiche Schäden sind zu verzeichnen. Die Biesdorfer Flak, die zunächst für den Erdkampf umgebaut wurde, ist beschädigt oder von ihrem Bedienungspersonal verlassen, jedenfalls schießt sie nicht mehr. Die dänischen Nordland Soldaten, die sich zunächst auf einen harten Kampf vorbereitet haben - bisher waren sie immer da, wo "vorne ist" - sind erstaunt, daß angesichts der geleisteten erheblichen Schanzarbeiten jetzt ein überraschender Befehl zum Abrücken unter Mitnahme der im Schloß eingelagerter Güter kommt. Innerhalb Stunden werden zahlreiche Kisten und Säcke aus dem Schloß auf die bereitstehenden Lastwagen verladen, die man mittels im Park zusammengehackten Holzes anfeuert.
 
Da mehr Güter da sind als Lastwagen (ein Wagen wurde Opfer eines Luftangriffes, ein weiterer springt nicht an), werden möglicherweise Kisten in ausgehobene Splittergräben verkippt und verbleiben im Schloß, vermutlich in der zweiten Etage. Die Soldaten klagen über eine erhebliche Schlepperei und sind verwundert, daß angesichts des feindlichen Vorrückens nicht wichtigere Dinge zu tun sind, werden aber von den Offizieren immer wieder darauf hingewiesen, wie wichtig das Entfernen der Güter aus dem Schloß sei. Letztendlich sind alle froh, noch einmal vor dem drohenden Zusammentreffen mit der erwarteten russischen Panzerwalze zurückweichen zu dürfen. Während die ersten Panzer sich in der Oberfeldstraße zusammenziehen, um auf Schloß Biesdorf von Norden her vorzurücken, fährt die Nordland-Truppe unter Mitnahme eines Teils der bisher in Biesdorf eingelagerten Güter Richtung Westen ab, hier verliert sich die Spur der Soldaten als geschlossene Einheit.
 
Ein unerfreuliches Erlebnis haben die Nordländer noch vor dem Abrücken. Noch einer der Lastwagen funktioniert nicht richtig, kommt nicht weit, also wird hektisch versucht, die Güter auf die anderen umzuladen, mit dem Ergebnis, dass jetzt nicht mehr genug Platz für die Soldaten ist. Also werden Kisten wieder abgeladen und auch hier (nach den rekonstruierten Erinnerungen) möglicherweise in Nebengebäude getragen oder in Splittergräben verkippt.
 
Zurückgeblieben im Schloß sind außerdem die beiden deutschen Offiziere und zwei oder drei Nordland-Soldaten, die möglicherweise die Spuren der Einlagerung bereinigen sollten. Die den Transport begleitenden dänischen Soldaten wundern sich, daß beide (!) Offiziere nicht mitkommen (zumal ihnen kein funktionierendes Fahrzeug mehr zur Verfügung steht), und vermuten, daß "die sich wohl nach Hause verdrücken" werden. Später müssen sie aber ihre Ansicht korrigieren, zumindest einer der Offiziere wird von den Dänen später in der Berliner Innenstadt noch im Kampfeinsatz beobachtet, hat sich also nicht "verdrückt".
 
Nach dem Abrücken der Truppe steigt schwarzer Rauch über Biesdorf auf. Bevor die ersten russischen Panzer über die Eisenbahngleise einschwenken, steht das Schloß in Flammen. Von den Verteidigern ist nichts mehr zu sehen. Nachdem ein russischer Panzer am Bahnübergang einige Male gefeuert hat, sind sämtliche verbliebenen Soldaten verschwunden, der Volkssturm hat vermutlich das einzige Richtige getan und ist nach Hause gegangen. Der Verbleib des Waffen-SS-Kommandos ist unklar, zumal die dänischen Soldaten erklärten, daß kein funktionierendes Fahrzeug für eine mögliche Flucht nach Westen mehr vorhanden war. Als russische Truppen in das Schloß einrücken, flattert ihnen überall verbranntes Papier entgegen, die zweite Etage ist ausgebrannt, Innenräume und die Inneneinrichtung sind zu großen Teilen verbrannt.
 
Weiterlesen: Das Biesdorf-Geheimnis Teil III
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