Das Biesdorf-Geheimnis
 
Das Schloß im Grünen
 
Vielen Berlinern und ihren Gästen ist der Ostberliner Stadtteil Biesdorf als beschaulicher und grüner Vorort Berlins bekannt. Einfamilienhäuser und eine flache Bebauung mit zahlreichen Grünanlagen zeugen noch immer von der ehemaligen Bedeutung des Ortes als einer vor den Toren der Großstadt Berlin gelegenen ruhigen Oase, die mit Ausflugslokalen und Blütenfesten ("das Werder des Ostens") die stadtmüden Berliner anlockte.
 
Heute umgeben von den Plattenbauten der Berliner Neubaubezirke Marzahn, Hellersdorf und Lichtenberg stellt Biesdorf immer noch eine Insel im hektischen Treiben der Stadt dar. Ein besonderer Anziehungspunkt ist der öffentliche Park des sogenannten Schlosses Biesdorf, errichtet als Gutshaus und später als Wohnsitz derer von Siemens als mondäne Villa gebraucht.
 
Sowohl Einheimische als Besucher lassen sich gerne von dem alten Baumbestand des Parkes und dem maroden Charme des Schloßgebäudes, das noch immer seiner völligen Sanierung entgegenwartet, gefangennehmen. Hier, zwischen den Bäumen des Parkes und den hochherschaftlichen Wegen läßt sich träumen von Gartenfesten und vorfahrenden Kutschen, deren Türen von livrierten Kutschern aufgerissen werden, um die ballbekleideten Damen zu empfangen.
 
Doch die glanzvolle Vergangenheit des Schlosses hat verschiedene Kapitel. Neben denen der Siemensschen Blüte, bei denen der Konzerngründer persönlich Drähte auf den Schloßturm spannte, um damit Funkversuche zu machen oder der im Schloßpark herumtuckernden elektrischen Versuchskleinbahn, die Siemens später auf der Gewerbeausstellung als Neuheit präsentieren sollte, gab es später auch finstere Zeiten.
 
1927 hatte Siemens das Schloß und den Park der Stadt Berlin verkauft, die umgehend eine öffentliche Nutzung des Parkes und des Gebäudes anstrebte. Dem Einzug einer Polizeidienststelle folgt das Ortsamt 1929. Ab 1928 ist der Park öffentlich zugänglich und wird von den Biesdorfern gerne genutzt.
 
Man möge mich Meier nennen
 
Ab 1933 ändern sich auch in Biesdorf, Teil der Reichshauptstadt Groß-Berlin, die Zeiten. In das Schloß zieht nun die NSDAP ein, auch ein Amtszimmer der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt wird eingerichtet. Im Schloß und im Park finden mehrere Volksveranstaltungen statt, an Feiertage wie den 1. Mai erinnern sich insbesondere die damals jüngeren Anwohner, weil die NSDAP Holzmodelle von Flugzeugen und Schiffen im Park ausstellt. Auch dunkle Schatten legen sich bereits in den ersten Jahren des Nationalsozialismus auf Schloß Biesdorf. In dem Keller bringt die zur Hilfspolizei ernannte SA bei verschiedenen Aktionen verhaftete Regimegegner unter und mißhandelt sie.
 
Nach etlichen Jahren des Aufschwungs ist auch in Biesdorf die anfängliche Begeisterung für den Nationalsozialismus verflogen. "Man möge mich Meier nennen, wenn auch nur ein Feindflugzeug deutschen Luftraum erreicht" hatte Reichsluftmarschall Göring versprochen, wenige Jahre später hieß er unter der Hand nur noch Reichs-Meier. Auch Biesdorf als Außenbezirk der Reichshauptstadt wurde von Luftangriffen nicht verschont, auch wenn es in der Ortschaft kaum strategisch wichtige Ziele gab.
 
Biesdorf befand sich in der Ausflugschneise der Bomberverbände, die zunächst aus Westen das Berliner Zentrum anflogen und bombardierten und dann über die östlichen Bezirke wieder ausflogen und nach Norden abdrehten. Bomber, die aus irgendwelchen Gründen ihre Bomben nicht in die Ziele in der Stadtmitte abgeworfen hatten, entledigten sich hier vor dem Rückflug ihrer Bombenlast, die meisten Treffer in Biesdorf sind planlos, aber trotzdem für die Zivilbevölkerung verheerend. In Biesdorf und Marzahn werden Flakstellungen eingerichtet, die dann selber wieder Angriffe auf sich und die Ortschaften ziehen.
 
Das Ende naht
 
Ende 1944 geht das Leiden der Biesdorfer absehbar einem Ende zu, die einen immer größeren Teil der Nächte in den Kellern und Luftschutzräumen verbringen. Die Rote Armee rückt näher, die Propagandatöne werden schriller. "Biesdorf ergibt sich nicht", "Berlin bleibt deutsch", überall tauchen solche Losungen plötzlich auf, die wenigen noch nicht im Kriegseinsatz befindlichen Männer und gerade erst 16 Jahre gewordene Jungen müssen Ausbildungsstunden beim Volkssturm absolvieren, wo sie mit uralten Gewehren und Panzerfäusten hantieren lernen, um die vorrückenden russischen Panzer aufzuhalten.
 
Schloß Biesdorf dient als Sammelstelle des Volkssturms, hier wird Ausbildung absolviert, von hier soll die Verteidigung des Ortes koordiniert werden, die Volkswohlfahrt organisiert die Versorgung der ausgebombten Bevölkerungsteile, es geht wohl zu wie in einem Bienenschwarm. Aus Westen bewegen sich eilig herangezogene Militärkolonnen durch den Ort Richtung Frankfurt, um eine letzte Verteidigung an der Oder zu sichern. In der Gegenrichtung überfluten Trecks von aus den von den Russen überrollten deutschen Ostgebieten geflohenen Menschen den Ort. Einige lagern Anfang April 1945 im Park, die Verwaltung der Hauptstadt sieht es nicht gern, wenn weitere zerlumpte Menschen in die Stadtmitte ziehen, wo ohnehin kaum noch Bewegung möglich ist. S-Bahnen und Straßenbahnen fahren kaum noch.
 
Mitte April ist der Gefechtslärm deutlich zu hören. Täglich rücken die russischen Truppen näher. Jetzt rasen die deutschen Truppen wieder durch den Ort, diesmal in der anderen Richtung. Die amerikanischen und britischen Bomber kommen nicht mehr, das Feld hat man jetzt russischen Tieffliegern überlassen, die taktische Ziele angreifen und Rückzugsbewegungen stören sollen. Berlin ist zur Festung erklärt und die in der Stadt verbliebenen Truppen und kläglichen Volkssturmreste richten sich auf die Verteidigung der Stadt ein. Überall vor den Toren Biesdorfs ziehen sich Gräben entlang, das Flüsschen Wuhle hat man aufgestaut, es hat sich eine beachtliche Wasserfläche gesammelt, die von Panzern nur schwer zu überschreiten ist. Im Krankenhaus Wuhlgarten hat sich die Führungsstelle der Wehrmacht eingerichtet, von hier versucht General Weitling das Eindringen der Russen in die Stadt zu verhindern.
 
Weiterlesen: Das Biesdorf-Geheimnis Teil II
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