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Späte Ehrung für den Falschen? Die Nikolai-Bersarin-Brücke am LabeTo
Im Nordosten wird das Wohngebiet LabeTo durch eine kleine Straßenbrücke über die Wuhle begrenzt, über die die Landsberger Allee führt. Viele nahmen die Brücke als solche gar nicht wahr, schließlich ist die Wuhle eher ein Bächlein denn ein Fluß und die Brücke eher eine Straße als eine Flußüberquerung. Ins Bewußtsein der Marzahner und der LabeTo-Bewohner rückte die Brücke erst im April 2005, als ihr in einem Festakt anläßlich des 60 Jahrestages des Kriegsendes der Name "Nikolai-Bersarin-Brücke" verliehen wurde. Gewürdigt sollte damit der erste Berliner Stadtkommandant werden, der nach dem Krieg durch die russische Besatzungsmacht eingesetzt wurde, dies ungefähr an der Stelle, an der im April 1945 die ersten russischen Panzer die Berliner Stadtgrenze erreichten. 1945 kehrte der Krieg dahin zurück, von wo er 1939 ausgegangen war. Nachdem deutsche Truppen in jahrelangen Blitzkriegen, später Stellungskämpfen und dann nur noch Rückzugsgefechten halb Europa unter ihre Gewalt gebracht hatten, schlugen die angegriffenen Staaten, insbesondere die Sowjetunion nun verdientermaßen zurück. Im April 1945 rückten sowjetische Truppen der 5. Stoßarmee unter ihrem General Nikolai Bersarin in Marzahn, Hellersdorf und Biesdorf ein, nachdem sie zum Teil heftigen Widerstand vor Marzahn zum Erliegen gebracht hatten. Der Krieg war damit für die Marzahner, Biesdorfer und Hellersdorfer endgültig zu Ende. Für einige war es eine Befreiung, für alle aber zumindest ein Glück, daß sie den Krieg überlebt hatten. Nach dem Ende der Kampfhandlungen gingen die sowjetischen Truppen schnell daran, das öffentliche Leben wieder zum Laufen zu bringen. Neben der Beseitigung der Kriegsfolgen, Beräumung der Straßen von Kriegsmaterial und Toten war es dringend erforderlich, zahlreichen Menschen Obdach zu geben (Berlin war voller Flüchtlinge aus dem Osten, zahlreiche Berliner waren ausgebombt), Wasserleitungen, Strom, Verkehr funktionierten nicht, die Versorgung von Millionen Menschen mußte organisiert werden, eigentlich war alles neu zu ordnen. Nikolai Bersarin, russischer General und erster Stadtkommandant Berlins hat sich dabei nach vielen Aussagen Verdienste erworben. In der kurzen Zeit seines Wirkens unmittelbar nach dem Ende des Krieges (leider kam er sehr bald bei einem Motorradunfall ums Leben) setzte er sich intensiv für den Wiederaufbau des öffentlichen Lebens in Berlin ein, für die Verbesserung des Gesundheitswesens, den Wiederaufbau der Polizei, aber auch für Kunst und Kultur. Für diese Verdienste wurde ihm zweimal die Ehrenbürgerwürde Berlins verliehen (1975 in der DDR und einmal 2003). Berlins Kultursenator Dr. Thomas Flierl würdigte Bersarins Leistung anläßlich der Brückenbenennung im April 2005 so: "Es war ein Glücksfall für Berlin, dass die Einheiten der 5. Stoßarmee als erste das Stadtterritorium erreichten. Ihrem Befehlshaber fiel so die Aufgabe des Stadtkommandanten zu. General Nikolai Erastowitsch Bersarin hat in dieser Funktion Überdurchschnittliches geleistet. Neben seinem militärischen Talent offenbarte sich menschliche Größe. Die zerstörte Hauptstadt des Feindes fand in ihm einen um- und weitsichtigen Organisator des Überlebens und einen Förderer des Neubeginns, dessen Maßnahmen und Befehle jedem gestandenen Kommunalpolitiker und Verwaltungsfachmann alle Ehre machten." Bersarin war aber ganz sicher eine Figur mit zwei Seiten. Neben der nachweislich vorhandenen Qualität als Organisator des Wiederaufbaues gibt es aber auch nach wie vor Stimmen, die ihn als General einer rachsüchtigen sowjetischen Soldateska sehen, die in den letzten Kriegswochen und den Monaten danach plündernd und vergewaltigend über die Deutschen herfiel und als einen Vertreter des diktatorischen stalinistischen Regimes, der auch nicht davor zurückschreckte, Kollegen als Volksfeinde zu denunzieren. So erklärt sich auch die Tatsache, daß nach der Wiedervereinigung Berlins die 1975 verliehene Ehrenbürgerschaft zunächst nicht übernommen wurde und erst 2003 auf Betreiben der PDS dann erneut erteilt wurde. Senator Dr. Flierl umschrieb das ungute Gefühl, daß sich bei vielen Berlinern angesichts der Würdigung Bersarins breitmachte, so: "Für viele Deutsche verband sich das Kriegsende zunächst mit dem Gefühl der Niederlage. Sie erlebten deshalb diese Zeit als Lebenskatastrophe. Übergriffe, eine rigide Besatzungspolitik und der Verlust der Heimat, von dem schätzungsweise 12 Millionen betroffen waren, bestärkten sie darin." Damit hat er wohl die tatsaechlichen Geschehnisse im April, Mai, Juni und Juli 1945 in Berlin auf einen sehr knappen Punkt gebracht. Tatsächlich war die Berliner Bevölkerung besonders in den ersten Tagen nach dem sowjetischen Einmarsch, aber teilweise auch noch Wochen und Monate später, zahlreichen Kriegsverbrechen und erheblichen Repressalien ausgesetzt. Verständlich, wenn man die Verbrechen deutscher Truppen zuvor in der Sowjetunion kennt, aber trotzdem unentschuldbar. Nach Schätzungen sollen in Ost-Deutschland ca. 1,9 Millionen Frauen und Mädchen durch russische Soldaten vergewaltigt worden sein, eine Filmdokumentation von Helke Sanders und Barbara Johr ("BeFreier und Befreite") kommt zu dem Schluß, daß es in Berlin 100.000 Vergewaltigungen gegeben hat. Zahlreiche der Opfer kamen durch die erlittenen Verletzungen ums Leben oder suchten in Folge den Freitod. Ein von der ARD/RBB in Auftrag gegebener Bericht sagt folgendes "In Berlin starben etwa 10.000 Frauen infolge der Vergewaltigungen. Die meisten von ihnen begingen Selbstmord, doch es kam auch zu Morden.". Auch die Männer waren vor Übergriffen der russichen Besatzer nicht sicher. Tatsächliche (meist allerdings eher "kleine") Nazis, aber auch nur Menschen, die den russichen Soldaten verdächtig waren, wurden verhaftet, entweder nach Sibirien deportiert oder jahrelang in den elf sowjetischen Schweigelager in der sowjetischen Besatzungszone festgehalten, viele kamen ums Leben. Im Lager Mühlberg sollen von 22.000 Insassen mindestens 7000, wahrscheinlich sogar 8900 an Hunger, Auszehrung und Seuchen gestorben sein. In keinem dieser Lager wurden führende Nazis festgehalten, die Insassen waren eher kleine Mitläufer oder von ihren Nachbarn denunziert oder waren politisch mißliebig. Legendär ist der Fall eines Mannes aus Köpenick, den man inhaftierte, weil er bei einer Befragung angab, er wäre von Beruf "S-Bahn-Fahrer", was einer der russischen Vernehmer mißverstand und ihn als mutmaßlichen "Sturmbannführer" in ein Lager einwies. Erst Jahre später kehrte er als gebrochener Mann zu seiner Familie zurück, die während der gesamten Haftzeit nichts mehr von ihm gehört hatte. Diverse KZ-Lager der Nazis wie Sachsenhausen wurden umgehend wieder als Haftanstalten eingerichtet, diesmal waren die Bewacher sowjetische Soldaten. Auch Monate nach Kriegsende saßen die Waffen bei den russichen Truppen noch sehr locker, jeder konnte jederzeit von einem russischen Soldaten erschossen werden, es reichte, wenn man einer Forderung des Soldaten nicht schnell genug nachkam, ihm z.B. nicht schnell genug seine Uhr oder seine Schuhe herausgab. Verständlich, daß eine solche Situation nicht unbedingt als Befreiung interpretiert werden konnte, auch wenn sie das Ende eines schrecklichen Krieges bedeutete. Daß Diebstahl und Plünderung durch sowjetische Einheiten eher zu den "unwichtigeren" Delikten gehörten, aber eben ein von den Vorgesetzten tolerierter Massentatbestand waren, macht die Tatsache deutlich, daß nur noch ein geringer Teil der Berliner nach dem Kontakt mit russischen Soldaten Armbanduhr oder Stiefel besaß. Mit den weitaus schlimmeren Verbrechen deutscher Truppen in Europa oder den rauchenden Schloten von Auschwitz vor Augen relativieren sich solche Untaten selbstverständlich, allerdings bleiben es Übergriffe gegen Zivilisten, die auch nach der damals bereits geltenden Genfer Konvention unter das Stichwort Kriegsverbrechen fielen. Mit der Genfer Konvention nahmen es aber wohl alle Kriegsparteien nicht sehr genau, selbst offizielle Verlautbarungen ließen erkennen, daß man sie nicht wirklich achtete. Heute wird oft kolportiert, daß Bersarin nach seiner Einsetzung als Stadtkommandant Plünderungen und Vergewaltigungen verboten habe (als General seiner Stoßarmee beim Einmarsch nach Deutschland hatte er dies nach heutigen Erkenntnissen übrigens nicht getan). Das stimmt wohl theoretisch, in der Praxis ist aber beobachtet worden, daß es nur sehr selten zu einer Durchsetzung dieses Befehls kam. Und seitens der sowjetischen Kommandantur wurde nur sehr begrenzt ernsthafte Bemühungen unternommen, um den Befehl durchzusetzen, so daß es zu entsprechenden Vorkommnissen bis in den Spätsommer 1945 kam. Erst dann griff man härter durch, weil die Ausschweifungen sich inzwischen auch negativ auf die Moral und die Kampfkraft der sowjetischen Truppe bemerkbar machten. Der oben genannte ARD/RBB Bericht bemerkt dazu folgendes: "Wie lange die schrecklichen Verhältnisse anhielten, geht daraus hervor, dass der sowjetische Stadtkommandant noch am 3. August die Strafen für "Raub", "körperliche Gewalt" und "skandalöse Vorkommnisse" verschärfte." Der Stadtkommandant war da schon Bersarins Nachfolger. Ob das Verbot Bersarin ohne eine erforderliche ausreichende Durchsetzung also tatsächlich als großartige menschliche Leistung zuzurechnen ist, sei dahingestellt. Aus der Familie des Verfassers dieses Textes ist jedenfalls ein Fall aus dem Mai 45 in Friedrichsfelde bekannt, bei dem es zu einer entsprechenden Gewalthandlung durch einen mittleren russischen Offizier kam. Das Opfer hatte von einem Erlaß der Kommandantur gehört, daß man sich dort über Verbrechen russischer Soldaten beschweren könne. Jedenfalls endete die Sache mit höhnisch grinsenden Stabsoffizieren auf der Kommandantura und der Aussage, man solle froh sein, wenn nichts Schlimmeres passiere und sich jetzt wegscheren. Zu dieser Zeit war Bersarin Stadtkommandant. Ganz sicher war für einige der Mai 1945 eine Befreiung, insbesondere sei hier an die zahlreichen Insassen von KZs und Gefängnissen oder verfolgte Juden, die sich bei mitfühlenden Deutschen versteckt hielten (auch in Biesdorf gab es solche Fälle beispielhaften Handelns!) erinnert. Für viele der Berliner und insbesondere der Marzahner, Hellersdorfer, Biesdorfer, die als erste in Berlin unter russischer Besatzung standen und durch deren Orte der größte Teil der nach Berlin ziehenden sowjetischen Truppen zog - mit allen entsprechenden Folgen - war der April 45 und die folgenden Monate aber trotz der Aufbauarbeit von General Bersarin ganz sicher keine Befreiung, auch wenn das heute Politiker mit der "Gnade der späten Geburt" gerne anders interpretieren. Dazu war der reale Kontakt mit den sowjetischen Truppen doch mit zuviel Leid verbunden, schließlich waren die geschilderten Übergriffe nicht Einzelfälle, sondern sehr wohl meist die Regel! Hat es Nikolai Bersarin wirklich verdient, daß man ihn ehrt, mit einer Ehrenbürgerwürde und einer Brückenbenennung in Marzahn? Diese Frage sollte sich jeder selber beantworten. Wiegen die positiven Aufbauleistungen Bersarins das Inkaufnehmen (das zwar aktenkundige Verbieten, aber das anschließende praktische billigende Dulden) diverser Übergriffe und Kriegsverbrechen gegen Zivilisten seiner Truppen auf? Und wird tatsächlich völlig vergessen, daß auch Bersarin jahrelang als Heerführer dem skrupellosen Diktator Stalin diente? Werden hier nicht unter dem gutgemeinten Segel der Versöhnung mit der Sowjetunion nicht Gewalttaten zumindest hingenommen, die bis heute nur begrenzt aufgearbeitet worden sind? Oft stehen bei der heutigen Beurteilung Bersarins seine positiven Weisungen und Befehle im Mittelpunkt, aber es wird selten gefragt, ob die denn auch in der Praxis ankamen. Heute wird z.B. gerne berichtet, wie sich Bersarin für die Wiedereröffnung von Theatern in Berlin einsetzte. Legendär ist sein Treffen mit deutschen Theaterschaffenden wie Heinrich George, Gustaf Gründgens und Paul Wegener. Daß eben dieser Heinrich George wenige Tage später durch den sowjetischen Geheimdienst verhaftet wurde und 1946 im sowjetischen Lager Sachsenhausen elend umkam (sicher etwas, woran Bersarin nicht persönlich Schuld hatte - aber etwas, was man der sowjetischen Verwaltung, der auch er angehoerte, nun einmal zurechnen muß) wird dann aber unterschlagen. So scheint es an vielen Stellen zu sein. Positive Taten werden Bersarin persönlich angerechnet. Die negativen Taten seiner Kollegen und Untergebenen werden gerne vergessen oder gehen auf das Schuldkonto der anonymen "sowjetischen Truppe". Ich stelle mir die alte Frau vor, 1945 vergewaltigt, der Mann nach Sibirien verschleppt, der Sohn mit 15 Jahren im sowjetischen Lager Ketschendorf verhungert, weil er Fähnleinführer bei der Hitlerjugend war, die jetzt über die "Nikolai-Bersarin-Brücke" in Marzahn gehen muß. Krieg ist schrecklich, und Verbrechen kann man nicht gegeneinander aufrechnen. Nie sollten die deutschen Verbrechen vergessen werden und die Tatsache, daß Deutschland die Verantwortung für den Krieg trägt. Versöhnung ist notwendig. Aber hat man mit diesem Namen für die Brücke das Richtige getan? Ehren wir damit nicht auch einen Mann, der bei allen Verdiensten um den Wiederaufbau Berlins nicht auch zumindest die Verantwortung des Kommandeurs für eine Vielzahl durch seine Truppen begangener Kriegsverbrechen trägt? Wäre eine Bezeichnung wie "Friedensbrücke" oder "Nie-wieder-Krieg-Brücke" an dieser Stelle nicht passender gewesen? Versöhnung mit der Geschichte sieht für mich anders aus. Von Herbert Lassner, Berlin, 2006. Dieser Artikel wurde auszugsweise veröffentlicht in der: Berliner Woche Nr.28/2006 vom 12.Juli 2006, Seite 2 Sämtliche Veröffentlichungen auf www.LabeTo.de geben nur die Meinung des Autors wieder und müssen nicht unbedingt mit der der Redaktion übereinstimmen. |
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